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Googles Daily Brief kennt meine Mails, aber nicht meine Prioritäten

Der frühe Morgen ist für die meisten Menschen vermutlich der beste Zeitpunkt für einen persönlichen Helfer, der dir sagt, was für dich wichtig ist. Bevor der Tag wirklich begonnen hat, kann er dir sagen, was du möglicherweise am Vortag oder über Nacht verpasst hast. Gleichzeitig weißt du dann, was für dich in den kommenden Stunden wichtig ist. Wenn all das auch noch direkt auf einen Blick sichtbar wird, könnte das ein vielversprechendes Feature sein. Genau dieses Versprechen steckt hinter Googles Daily Brief.

Was ist Googles Daily Brief?

Die Funktion ist eine der neueren Gemini-Erweiterungen. Sie liefert morgens automatisch eine persönliche Übersicht. Dazu gehören wichtige E-Mails, Termine, Erinnerungen und andere Dinge, die Google für relevant hält. In Deutschland ist der Daily Brief bislang nicht regulär verfügbar. Ich konnte die Funktion aber unter anderem mit meinem Pixel 10 Pro und entsprechendem Google-Konto bereits über längere Zeit ausprobieren.

Zu finden ist der Daily Brief nicht etwa als eigene App, sondern als neue Option in Gemini. In der Seitenleiste der App erscheint der neue Menüpunkt, wenn du eines der kostenpflichtigen AI-Abos von Google nutzt. Google hat bislang erst damit begonnen, das Feature in den USA auszurollen. Du kannst aber auch die Web-Version von Gemini aufrufen, um dort die persönliche Tagesvorschau zu finden. Es geht also auch ohne Android-Smartphone.

Gerade Google sollte, zumindest bei Nutzern, die in der Android- und Gmail-Welt leben oder arbeiten, eine gute Idee davon haben, was wichtig ist. Es hat Zugriff auf Gmail, Kalender, frühere Gemini-Chats und viele weitere persönliche Details. Wenn also irgendein Unternehmen morgens wissen könnte, was für meinen Tag wichtig ist, dann Google. So zumindest die Theorie.

Wenn Google alles sieht, aber das Falsche wichtig findet

In der Praxis sahen die Ergebnisse bei mir aber leider eher ernüchternd aus. Primär bestand mein Daily Brief aus Mails. Aber statt wirklich wichtiger Mails waren es immer wieder Newsletter, Mailing-Listen oder andere Randnotizen, die der Daily Brief für wichtig befunden hat. Also Dinge, die zwar neu waren, aber für meinen Tag keine große Rolle spielten. Dazu erschienen vor allem Vorschläge, um frühere Chats mit dem KI-Assistenten Gemini fortzuführen oder zu erweitern.

Daily Brief fasst persönliche Hinweise, frühere Gemini-Chats und daraus abgeleitete Vorschläge in einer Tagesübersicht zusammen. Image source: Holger Eilhard / inside digital

Der Screenshot zeigt, dass der Daily Brief die Prioritäten nicht korrekt einstuft. Den Hinweis von Synology bekomme ich zum Beispiel in jeder Woche zum selben Zeitpunkt. Google sollte sowas automatisch erkennen.

Am Ende wirkte der Blick in den Daily Brief wie ein weiterer, aufgehübschter Posteingang. Eine Zusammenfassung meiner Mails brauche ich nicht unbedingt. Ich sehe ja selbst, was in Gmail angekommen ist. Der Mehrwert sollte sein, dass Gemini versteht, welche Nachricht wichtig ist, welche nur informativ ist und welche ich ignorieren kann. Das klappte aber bislang nicht.

Hinzu kommt der Eindruck, dass Dinge, die für meinen Alltag wichtig und relevanter gewesen wären, nicht oder nur selten erkannt wurden. Das ist schwer komplett objektiv zu bewerten, weil Prioritäten eben persönlich sind. Aber genau das ist der Punkt: Daily Brief soll ja gerade persönlich sein. Es ist aber auch der Fall, dass die Ergebnisse solcher Anfragen stark von Person zu Person variieren können.

Interessanter könnten hier möglicherweise in Zukunft die direkten Unterhaltungen mit Gemini sein. So ist es vielleicht nützlich, wenn du den Assistenten für Hilfe bei einem Problem suchst oder er dir bei der Planung eines Projekts unter die Arme greifen soll. Findet er lose Enden, kann er diese wieder an die Oberfläche bringen. Genau das schaffte der Daily Brief in meinen Tests immer wieder.

Daily Brief und die Personalisierbarkeit

Wie bei Mails und anderen Vorschlägen kannst du auch diese Einträge als erledigt markieren. Außerdem kannst du steuern, ob sie für dich hilfreich oder nicht waren. Erledigte Projekte sollten also nicht mehrfach auftauchen. Leider wurden auch diese Signale in meinen Versuchen nicht immer erkannt oder respektiert. Mehrfach erschien die Erinnerung einen früheren Chat weiterzuführen, obwohl ich ihn in den Vortagen teilweise mehrfach erledigt hatte.

Ein ähnliches Verhalten war bereits nach den ersten Tagen zu sehen. Hier fragte mich der Assistent, als Teil der Vorschläge für die Chats, wie denn mein Daily Brief aussehen soll. Bei dieser Einstellung handelte es sich nicht um eine Option, die du irgendwo fest in der App auswählst. Stattdessen wurde mir angeboten, das Format im Chat mit dem Assistenten auszuwählen. Er gab mir mehrere Vorschläge, die sich teilweise stark vom Standard-Design unterschieden. Nach meiner Auswahl änderte sich aber nichts. Noch heute sieht mein Daily Brief so aus wie am ersten Tag. Vielleicht handelte es sich dabei nur um eine Halluzination des Assistenten.

Auch Google muss mit den Silos kämpfen

Wie bereits eingangs erwähnt, lebt der Daily Brief vor allem von den persönlichen Informationen, die er aus der Google-Welt bekommt. Das Problem ist jedoch, dass meine Kommunikation nicht ausschließlich in Gmail, Gemini oder Google Drive stattfindet. Viele Unterhaltungen finden heutzutage in iMessage, Slack, Signal, WhatsApp oder vielen anderen Apps statt, auf die Google keinen direkten Zugriff hat. Für viele Nutzer ist das auch eine Sache der Privatsphäre, da sie Google nicht alles erzählen wollen.

Diese Silos sind ein großes Hindernis für den Tech-Giganten, der von diesen Daten lebt und sie monetarisiert. Apple steht vor einem ähnlichen Problem beim Zugriff auf deine Informationen, auch wenn der persönliche Kontext hier nicht in der Cloud geparkt wird, sondern auf jedem einzelnen Gerät separat erstellt und nur dort gespeichert wird.

Google könnte im Fall von Android theoretisch die Benachrichtigungen auswerten. So könnte der Daily Brief Zugriff auf Nachrichteninhalte bekommen und diese in Zukunft nutzen. In meinen Versuchen war davon nichts zu sehen.

Fazit

Nach mehreren Wochen ist der Daily Brief für mich noch keine Gewohnheit geworden. Ich schaue hinein, weil ich wissen will, ob es besser wird. Nicht, weil ich mich auf die Erinnerungen verlasse.

Es gab zwar durchaus Momente, in denen ich dachte: Ja, genau dafür ist das gedacht. Wenn der Daily Brief eine Mail korrekt zusammenfasst oder eine frühere Unterhaltung sinnvoll wieder hervorholt, sieht man das Potenzial sofort. Dann wirkt es für einen kurzen Moment wie der Anfang eines echten persönlichen Morgenüberblicks. Diese Momente gab es für mich aber bislang nur sehr selten.

Am Ende ist all das aber nur ein sehr persönliches Ergebnis. Es kommt wirklich sehr stark darauf an, mit welchen persönlichen Daten du Google fütterst. In meinem Fall war es vielleicht einfach nicht genug Informationen oder sie waren schlicht uninteressant. Sinnvoll ist der Daily Brief derzeit vor allem dann, wenn du Gmail, Kalender und Gemini sehr konsequent nutzt. Wenn du deine wichtigsten Unterhaltungen und Aufgaben über viele Apps verteilt, bekommst du aktuell eher eine interessante Zusammenfassung als einen verlässlichen Tagesplan.

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