
Diesen Sommer wird es Nächte geben, in denen du wach bist, weil der Fußball beschlossen hat, jetzt zu spielen. Oder weil die FIFA es so will und die WM 2026 in Kanada, Mexiko und den USA austrägt. Kansas City, Guadalajara, überall dort, wo gerade noch nicht früher Morgen ist. Du kennst das Ziehen im Bauch, wenn ein Spieler mit dem Ball aufs Tor zuläuft, seit deiner Kindheit. Der Fußball war immer deiner. Er wollte nie etwas anderes als deine Aufmerksamkeit. Heute will er dein Geld. Und er ist erstaunlich kreativ darin, es sich zu holen.
WM 2026: Drei Männer im Wert von mehreren Nationalmannschaften
Beginnen wir mit einer Zahl, die so groß ist, dass sie schon wieder nichts mehr bedeutet: 8,9 Milliarden Dollar. So viel will die FIFA mit dieser einen Weltmeisterschaft einnehmen. Das wäre ein Rekord. Man kann sich darunter nichts vorstellen, also rechnen wir es klein: Verteilt auf 104 Spiele macht das über 85 Millionen Dollar pro Anpfiff. Das Spiel ist ein Vermögen wert, bevor überhaupt jemand den Ball berührt. Den Rest – Tore, Tränen, Wunder – gibt es gratis obendrauf.
Die Spieler sollen dich dabei endgültig beeindrucken. Frankreich läuft mit einem Kader auf, der 1,53 Milliarden Euro wert sein soll, England und Spanien folgen knapp dahinter. Drei einzelne Männer – Lamine Yamal, Erling Haaland und Kylian Mbappé – kosten je rund 200 Millionen. Zusammen sind diese drei teurer als die komplette deutsche Nationalelf, die mit 744 Millionen nur für Platz sieben reicht. Du sollst hier staunen, ehrfürchtig den Kopf schütteln, vielleicht ein Trikot kaufen. Was in der Erzählung nie vorkommt: Diese Summen wachsen nicht auf dem Rasen. Sie kommen von dir.
Als Erstes ist da der Rundfunkbeitrag, rund achtzehn Euro im Monat, den du sowieso entrichtest, ob du willst oder nicht. Mit genau diesem Geld haben ARD und ZDF eine Sublizenz gekauft – von der Telekom, die sich vorher die kompletten Rechte gesichert hat. Dein „kostenloses“ Spiel im Ersten ist also längst bezahlt; man hat dir nur den Preis ausgeblendet. Der zweite Griff ist offener: Wer wirklich alles sehen will, kommt an MagentaTV nicht vorbei. 44 der 104 Partien laufen exklusiv dort, hinter einer Bezahlschranke, darunter drei Achtelfinals und zwei Viertelfinals. Fast die Hälfte dieser Weltmeisterschaft ist kein öffentliches Ereignis mehr, sondern ein Abo-Angebot mit Anpfiff. Und der dritte Griff sitzt in jedem Trikot, jedem Sponsorenlogo, jeder Bratwurst mit WM-Banderole im Supermarkt. Du bist nicht das Publikum. Du bist das Geschäftsmodell.
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Deutschland-Trikot: Wer an dir verdient
Nimm allein das Trikot, dieses weiße Stück Zugehörigkeit mit dem Adler auf der Brust. Hundert Euro kostet das offizielle DFB-Shirt zur WM 2026. Schält man den Hunderter einmal auseinander, bleiben für das eigentliche Trikot – Stoff, Schnitt und die Hände, die es genäht haben – ganze elf Euro fünfzig übrig. Die anderen knapp neunzig Euro kassieren Leute, die nie eine Nadel in der Hand hatten: vierzig der Handel, zwanzig Adidas als reiner Gewinn, sechzehn der Fiskus, sechs Euro fünfzig allein dafür, dass der DFB-Adler überhaupt aufs Polyester darf. Du kaufst kein Trikot. Du kaufst die Lizenz auf das Gefühl, dazuzugehören, und zahlst dieses Gefühl fast neunmal so teuer wie den Stoff, der es trägt.

Übrigens: Beim Sommermärchen 2006 kostete ein Deutschland-Trikot noch 65 Euro. Und das ist auch in etwa das Maximum, was viele inside digital Leser ausgeben würden, wie eine Umfrage in unserem WhatsApp-Kanal ergab (hier geht’s zur Abstimmung). Für die Mehrheit, die ein Trikot kaufen würde, sind 50 Euro aber die Obergrenze.
Trinkpause! Macht dann eine halbe Million Euro, bitte.
Und damit du dich bloß keine Sekunde lang der Illusion hingibst, irgendetwas an diesem Turnier ließe sich nicht zu Geld machen: Es gibt jetzt Trinkpausen. In jedem der 104 Spiele, offiziell, um die Spieler vor der nordamerikanischen Hitze zu schützen. Eine rührend fürsorgliche Geste, die ganz nebenbei ein nagelneues Werbefenster aufstößt. Erstmals bei einer Weltmeisterschaft dürfen ARD und ZDF mitten in dieser Pause Reklame schalten. Ein Paket aus sechs Dreißig-Sekunden-Spots wechselte für rund 600.000 Euro den Besitzer und war prompt ausverkauft. Macht etwa dreitausend Euro für jede Sekunde, in der ein durstiger Profi einen Schluck Wasser nimmt. Sogar die Pause hat jetzt ihren Preis.
→ ARD und ZDF unterbrechen WM-Spiele für Werbung!
Und es wird größer, nicht kleiner. Wobei größer hier nur ein anderes Wort für teurer ist. Aus 32 Mannschaften sind 48 geworden, aus 64 Spielen 104. Die Klub-WM spült der FIFA inzwischen selbst in Jahren ohne große WM Rekordsummen in die Kasse, ein dicker Teil davon aus einem Streaming-Deal, der zufällig kurz vor der Vergabe der WM 2034 an Saudi-Arabien öffentlich wurde. Wer dabei nichts Böses denkt, hat vermutlich nicht genau hingesehen. Die Richtung ist eindeutig: Der Ball rollt dorthin, wo das meiste Geld liegt.

Die WM braucht dich
Jetzt die gute Nachricht, und die FIFA wird sie nicht gern hören. Für das Wesentliche musst du keinen Cent extra zahlen. ARD und ZDF zeigen 60 Spiele frei, und zwar genau die, auf die es ankommt: alle deutschen Partien, das Eröffnungsspiel, beide Halbfinals und das Finale. Und zumindest die Gruppenspiele finden zu relativ humanen Zeiten um 19 und 22 Uhr statt. Wer nicht jedes der 104 Spiele sehen will, braucht kein Abo. Extra kostet nur das, was man dir als unverzichtbar verkaufen will: die 44 Magenta-Spiele, ein paar K.-o.-Partien abseits der deutschen Elf. Kann man sich gönnen. Man kann es aber auch sein lassen, und dann passiert: nichts. Die Show braucht dich nämlich dringender, als du sie brauchst.
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